Landschaften des 21. Jahrhunderts

 

Mit stimmungsvollen und virtuos ausgeführten Leinwandarbeiten lädt uns Erik Offermann ein, seinen privaten Blick auf die öffentlich zugänglichen Bereiche unseres Lebens zu teilen. Im Jahre 1956 in Aachen geboren und dort aufgewachsen und an der Fachhochschule in Köln ausgebildet, wo er 1981 den renommierten Preis des Kölnischen Kunstvereins entgegen nimmt, entdeckt er an den Orten seiner Biografie die Motive seiner Arbeiten. So ist die Themenwahl immer eine sehr persönliche, bis hin zu den Meerlandschaften, von denen er bereits in Kindertagen geprägt wurde.

 

Es sind auch die Meerlandschaften, die eine erste Motivgruppe von vier zu differenzierenden Gruppen im Werk Erik Offermanns bilden. Ruhe und Weite wirken über den Bildraum hinaus. Ganz in Blautönen gehalten, erstreckt sich ein tiefliegender Horizont über Strand und Meer. Die Parklandschaften stellen eine weitere Gemäldegruppe. Licht- und Schattenspiel der Bäume, Spiegelungen der angelegten Wasserflächen bestimmen hier die Bildatmosphäre. Die Architektur öffentlicher Plätze und Gebäude, wie der Kölner Dom oder Museumsbauten, die fest im kollektiven Bewusstsein verankert sind, zitiert Erik Offermann in einer dritten Motivreihe, der wiederum die letzte Bildgruppe der Architekturzitate entlehnt ist. Mit diesen Zitaten werden extreme Architekturausschnitte gezeigt, die häufig erst auf den zweiten Blick zu entschlüsseln, bzw. zuzuordnen sind.

 

Allen Arbeiten gemein ist die meisterliche, technische Ausführung in einer fotorealistischen Weise, die immer betont malerisch bleibt. Kennzeichnend ist auch die reduzierte Farbigkeit, die fast ausschließlich eine fein abgestufte Palette von Grün- und Blautönen aufweist. Mittels dieser Farbgebung wird eine Verfremdung des Motives erreicht, die durch die leichte Unschärfe des Dargestellten noch verstärkt wird. Es entsteht eine nahezu magische Atmosphäre, die in Verbindung mit dem intimen Blick und dem oft ungewöhnlichen Ausschnitt zu einer ganz eigenständigen künstlerischen Aussage generiert.

 

Die bildnerische Darstellung des Meeres mit seinem weiten Horizont steht ganz selbstbewusst in der Nachfolge der traditionellen Landschaftsmalerei. Als eine selbstständige Gattung innerhalb der Malerei entwickelte sich das Landschaftsbild im Rahmen der umfassenden Subjektivierung der Künste im späten Mittelalter bzw. in der Renaissance. So wächst die Fähigkeit, Natur als eine Eigenform zu sehen, zu malen und zu begreifen in dem gleichen Maße, in dem die Natur für das Interesse der Menschen nützlich und zur Projektionsfläche seine Sehnsüchte stilisiert wurde. Das reine Landschaftsbild, losgelöst von Bindungen an ein religiöses oder mythologisches Thema, entstand im 17. Jh. in Holland. Und hier findet sich auch die Untergruppierung der Meerlandschaften und Strandansichten, wie sie etwa der Künstler Jacob Isaacksz. van Ruisdael (1628-1682) schuf, der mit seinen Werken die Blütezeit der holländischen Landschaftsmalerei markierte. In seinen ausgewogenen Kompositionen widmet sich der Künstler insbesondere der Beobachtung des Lichtes mit seinen Hell/Dunkel-Abstufungen. Dabei erhält der Himmel mit seinen Wolkenformationen eine immer bedeutendere Funktion und die Weiträumigkeit der Meerlandschaft scheint sich ins Unendliche auszubreiten. Diese Beobachtung des Lichtes und die daraus resultierende leicht schwermütige Stimmung findet sich auch in den zeitgenössischen Landschaftsgemälden Erik Offermanns, wenngleich sie eine ganz eigenständige, moderne Formulierung erfahren. Darüber hinaus klingt in den Arbeiten Offermanns eine Stimmung an, in der etwas Sehnsuchtvolles mitschwingt. Es waren die Bildschöpfungen der Romantik, die die Natur beseelten und in ihr eine Spiegel der menschlichen Gefühlswelt suchten. 1835 formulierte der Maler und Kunsttheoretiker Carl Gustav Carus: „...es ist der Hauptaufgabe der Landschaftsmalerei in der Darstellung einer gewissen Stimmung des Gemütslebens (Sinn) durch die Nachbildung einer entsprechenden Stimmung des Naturlebens (Wahrheit) zu erschaffen.“ Keinen anderen Künstler der Romantik gelang es, seine Landschaftsbilder emotional so aufzuladen wie Casper David Friedrich (1774-1840). Kontemplative romantische Gefühle und religiöses Empfinden wurden mithilfe symbolisch zu deutender Naturmetaphern gestaltet. In einem seiner berühmtesten Bilder „Mönch am Meer“ (1809) wertet Casper David Friedrich die Bildgrenzen nicht mehr als Rahmen für ein geschlossenes System, sondern als Ausschnitt eines unbegrenzten Naturraums. Eben diese „Unendlichkeit“ entdecken wir auch in Offermanns Arbeiten und ähnlich wie Casper David Friedrich erscheinen vereinzelt menschliche Silhouetten, isoliert in einer unfassbaren Wirklichkeit, welche wie entrückt erscheint. Mittels dieser imaginären Identifizierung vor Ort, lassen sich all unsere Sehnsüchte in den Bildgrund legen. Schließlich nehmen wir Landschaft gerne als etwas wahr, was uns einen Verlust ausgleicht. Sie dient als Fluchtziel unserer Zivilisation und in ihr erfahren wir, was in unserem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld längst verdrängt oder vergessen ist.

 

Zur Ruhe kommen, den Blick in die Weite schweifen lassen und die Atmosphäre der Natur in sich aufnehmen, dass sind Wirkungsweisen, die nicht nur den Meerlandschaften Erik Offermanns zu eigen sind, sondern auch für die Bildgruppe der Parklandschaften Gültigkeit besitzen.

Sonnengeflecht funkelt durch mächtige Baumkronen auf breit angelegte Spazierwege, Lichtreflexe tanzen auf künstlich geschaffenen Wasserflächen und Blattgrün und Wolkengebilde spiegelt sich im stillen See. Licht und Schatten, Hell und Dunkel sind die bestimmenden Bildparameter der Parklandschaften. Abwechslungsreich und spannungsvoll wird dadurch eine Stimmung transportiert, die durch die Ergänzung der Farbpalette um Grünabstufungen wärmer und idyllischer anmutet als die der Meerlandschaften. Auch hier wird unsere Sehnsucht nach einem Ort der Erholung geweckt, scheint die naturnahe Ausführung der Parkansichten uns geradezu in die Parklandschaften hinein zu versetzen. Doch führt uns Erik Offermann nicht an Orte der unberührten Natur, sondern leitet uns zu künstlich geschaffenen Plätzen der Erholung unserer Öffentlichkeit. Hier wird die Natur begrenzt und besetzt durch den Menschen und die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen wird durch eine von Menschenhand gestaltete Landschaft gestillt. Die Diskrepanz zwischen dem privaten Blick Erik Offermanns, subjektiv in den Parklandschaften umgesetzt und dem öffentlichen Charakter eben jener, kennzeichnet einen ganz besonderen Reiz dieser Motivreihe.

Der Domestizierung der Natur geht eine lange Kulturgeschichte voraus, die einen ihrer Höhepunkte in der englischen Gartenarchitektur erreicht, die wiederum ihre Gartenanlagen als „Freiraum“ für den Menschen verstanden. Dabei ist es besonders für den englischen Garten des 18. Jh. kennzeichnend, dass der Akzent auf das natürliche Aussehen im Sinne des „Landschaftsgarten“ liegt, ganz konträr zu dem streng angelegten, geometrisierten Barockgarten Frankreichs. Beide Arten der Gartengestaltung haben noch heute ihren Einfluss auf die Formulierung öffentlicher Parkanlagen, welche heute unsere Stadtbilder prägen.

Die bereits benannte idyllische und oft friedliche Atmosphäre wird wiederum aufgrund die Anwendung der Verwischtechnik Erik Offermanns erzeugt. Harte Konturen einzelner Bildgegenstände werden somit aufgehoben und ein leicht verschwommener Eindruck evoziert. Lesbare Details sind somit wie ausgeblendet, wodurch die Konzentration ganz auf das „Naturempfinden“ gelegt wird. Eine Gefühlsqualität ähnlich eines angenehmen Erinnerns breitet sich während des Betrachtens aus: man fühlt sich der Zeit enthoben. Ein Phänomen, das sich besonders an den Architekturbildern nachvollziehen lässt.

 

Spricht man von Architektur in den Bilder Offermanns, ist stets eine Stadtarchitektur gemeint, genauer formuliert: markante Architekturmotive der Stadt Köln, allen voran der Kölner Dom und in direkter Nachbarschaft der Bahnhofsvorplatz. Aber auch Innenhöfe oder öffentliche Plätze halten motivisch Einzug in die Bilderwelt Erik Offermanns. Gerne wird die umgebende Begrünung in den Motivausschnitt aufgenommen, wodurch ein Stück „grüner Atmosphäre“ der Parkbilder mit in diesen Arbeiten integriert wird. Die Architekturdarstellungen werden in den Blauabstufungen mit Beimischungen von Schwarz und Weiß gefasst, wie sie uns bereits von der Farbpalette der Meerlandschaften vertraut ist. Die bereits bekannte Technik der fein vertriebenen Farboberfläche steigert den emotionalen Aspekt, da das Gefühl des Vertrauten und Bekannten bereits in der fotorealistischen Malweise angelegt ist und die künstliche Unschärfe zusammen mit der reduzierten Farbigkeit etwa an Rückblenden oder vergilbte Schwarz/Weißaufnahmen denken lässt. Eine Beziehung zwischen Bild und Betrachter baut sich auf, die das Gefühl des Erinnern mit sich bring, als läge bereits ein größerer zeitlicher Abstand zwischen dem Jetzt des Sehens und dem Festhalten des Motives. Gleichzeitig thematisieren die Arbeiten die Flüchtigkeit des Augenblicks, eines eingefrorenen Momentes, in dem Menschen nur angedeutet werden und alles gleich wichtig oder gleich unwichtig erscheint. Diese Nivellierung der Hierarchien lässt wiederum die malerische Umsetzung in den Vordergrund treten.

 Natürlich evozieren auch die Motive an sich einen „Zeitsprung“, handelt es sich doch meist um Darstellungen, die unsere Stadtlandschaft wesentlich prägen, so dass sie fest in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sind, nicht zuletzt durch die zahllosen Erinnerungsfotos und Souvenirpostkarten. Es ist allerdings Verdienst Erik Offermanns, dass er den Blick auf unsere bekannten Bauwerke personalisiert, wodurch unsere eigene Wahrnehmung hinterfragt wird. Zwar wird eine Erinnerung des „Stadttouristen“ geweckt, doch gleichzeitig ein Erstaunen geschaffen über die so noch nie wahrgenommene Perspektive des sagen wir mal Kölner Doms, wodurch uns eine neue, frische Seherfahrung angeboten wird. Die Perspektive ist meist der klassischen Landschaftsmalerei entlehnt: Bildbestimmend ist die Horizontale und die Bilder werden seitlich nicht begrenzt, wodurch ein geweiteter Raum geschaffen wird, ganz ähnlich der Meerlandschaften. Über den hellen Bildvordergrund wird der Blick direkt in den dunkleren Hintergrund geleitet um Raumtiefe entstehen zu lassen. Aufgrund dieser kompositorischen Mittel erfahren wir die Stadtansichten als moderne Landschaftsbilder unserer Zeit. Landschaften des öffentlichen Raums, denen wir in den Bildern Erik Offermanns mit neuen Augen entgegentreten.

Das Hinterfragen unserer herkömmlichen Sehgewohnheiten wird in einer vierten Bildgruppe Offermanns noch gesteigert, die vielmehr eine spielerische Zuspitzung der Stadtbilder bedeutet. Wie mit einem Zoom werden Details der Fassade des Kölner Doms aus dem ursprünglichen Kontext gelöst und dem Betrachter präsentiert. Dieser wird indirekt aufgefordert, die extremen Ausschnitte imaginär wieder in einen architektonischen Zusammenhang zu ordnen

 um eine Lesbarkeit zu schaffen. Der ungewöhnliche Ausschnitt und die künstlerische Technik steigert in diesen kleinformatigen Arbeiten den Grad der Abstraktion erheblich, was den Moment des Malerischen wiederum in den Vordergrund treten lässt. So verbindet sich, wie in allen vorgestellten Bildern Erik Offermanns, eine meisterliche malerische Ausführung mit dem privaten, subjektiven Blick auf ein ursprünglich vertrautes Motiv. Bekanntes und Neues vermischen sich aufs Spannendste und ermöglichen uns eine Wahrnehmung, die unsere Gewohnheiten hinterfragt und gleichermaßen einen ästhetischen Genuss erlauben. 


Margrit ten Hoevel    M.A.